Naturfreunde-Giengen

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Verein für Umweltschutz, Touristik und Kultur

Friedensarbeit in Sant’Anna

05.08.17

Sant’Anna? – Nie gehört!

Das dachte ich auch, als ich das erste Mal von der Gedenkstättenfahrt der NaturFreundejugend in die Toskana nach Sant’Anna di Stazzema hörte. Dort hatten am 12. August 1944, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, deutsche Soldaten das Bergdorf Sant’Anna überfallen und eines der größten deutschen Verbrechen auf italienischem Boden verübt. Bei dem dortigen Massaker ermordeten sie etwa 560 Zivilisten, darunter vor allem wehrlose Frauen und Kinder, auf erbarmungslose Art. Wo einst grauenvolles Töten vonstatten ging, befindet sich heute ein Friedenspark mit Gedenkstätte und Museum, ganz besonders dank des jahrzehntelangen, unermüdlichen Einsatzes der wenigen Überlebenden. Es sind diese Zeitzeugen, die uns herzlich eingeladen haben, von ihnen persönlich ihre Geschichte zu hören, sowie am Ort des Gedenkens über die Vergangenheit zu forschen, über die Gegenwart und Zukunft Europas zu diskutieren und sie bewusst mitzugestalten.

Dieser Einladung folgten neun deutsche Jugendliche und neun italienische Schülerinnen und Schüler, die von fünf Teamern betreut werden. Mit allen gemeinsam möchten wir ein Programm für die Gedenkfeierlichkeiten in Sant’Anna aufstellen.

Am Samstagabend kamen wir schließlich nach einer langen, fast 20-stündigen Fahrt in Pietrasanta an, wo wir ein einem Konvent übernachten. Als Begrüßung kochten uns die italienischen Teilnehmenden ein leckeres Abendessen.

Weitere Infos findet ihr unter: http://www.nfjw.de/mitmachen/-/show/3568/Friedensarbeit_in_Sant_Anna_Eine_italienisch_deutsche_Jugendbegegnungs_und_Gedenkstaettenfahrt_05.08.2017_13.08.2017/



06.08.17

Ausgeschlafen und mit einem üppigen „deutschen“ Frühstück – natürlich mit Wurst und Käse – starteten wir heute in den Tag. Danach trafen wir uns zum Morgenplenum, von den Teamern liebevoll „Mopl“ genannt. Zur Auflockerung und dem ersten Kennenlernen begannen wir mit dem Spiel „das kotzende Känguru“ oder auf Italienisch „il canguro che vomita“, in dem verschiedene Figuren – das kotzende Känguru, James Bond, der Toaster oder die Waschmaschine – von der Gruppe dargestellt werden müssen. Danach sammelten wir unsere Vorstellungen an das Projekt und, was jeder von uns dazu beitragen kann.

Bevor wir uns zum Mittagessen trafen, stellte sich die Künstlerin Irene Lupi vor, die sich hauptsächlich mit dem Thema „Erinnerung“ auseinandersetzt und u. a. Partisanen interviewte. Mit ihr wird jeder Teilnehmer ein kleines Kunstprojekt  gestalten. Beispielsweise werden wir eine „Erinnerungbox“ kreieren, in die jeder einen Gegenstand hineinlegt, die er oder sie mit Sant’Anna oder unserem Projekt verbindet. Diese Box darf die Gruppe, die nächstes Jahr Pietrasanta und Sant’Anna besucht, dann öffnen.

Das Mittagessen – Tomatensalat, Insalata Mista, Brot, Käse und Wurst – wurde mit viel Spaß gemeinsam vorbereitet:

In gemischten Kleingruppen versuchte man dann, sich gegenseitig auf einen „gleichen“ oder gemeinsamen Kenntnisstand zum Zweiten Weltkrieg, dem deutsch-italienischen Bündnis und den Partisanenkämpfen bzw. dem Widerstand zu bringen.

Wichtige Jahreszahlen sind dabei:

1922 – Machtergreifung Mussolinis, Beginn des italienischen Faschismus

1933 – Machtergreifung Hitlers, Diktatur nach Vorbild des Faschismus

1939 – Beginn des Zweiten Weltkrieges, Formung des „Stahlpaktes“ zwischen Hitler und Mussolini,
dieses Bündnis wurde auch „Achse Berlin-Rom“ genannt.

1940 – Kriegseintritt Italiens

1941 – Überfall auf die Sowjetunion, Intensivierung des Krieges

1943 – Kriegseintritt der USA, Landung der Alliierten in Italien, Schlacht bei Stalingrad und somit Kriegswende;
Absetzung Mussolinis „von oben“ (durch König Viktor Emmanuel III.), Kapitulation Italiens,
daraufhin deutsche Besatzung in Nord- und Mittelitalien

1944 – Am 12. August geschieht das Massaker in Sant’Anna

1945 – 25.04: Italien wird von den Alliierten befreit
28.04.: Hinrichtung Mussolinis durch das italienische Volk
08.05: Bedingungslose Kapitulation Deutschlands
Ende des Zweiten Weltkriegs

 

Für Interessierte lässt sich hier ein Pdf-Dokument mit einer Zusammenfassung finden.

Nachdem der anstrengende Teil des Tages hinter uns lag, machten wir in Vierergruppen – zwei Deutsche, zwei Italiener – die Stadt Pietrasanta unsicher. Unsere Aufgaben waren zum Beispiel etwas Obst gegen Mitbringsel einzutauschen, was Einigen auch hervorragend gelang. Zu unserer Beute gehört u. a. ein handgefertigter Pfeil von einem Mittelaltermarkt und ein selbstgemachter Holzkreisel. Auch die „beste“ Eisdiele der Stadt zu finden – natürlich durch Probieren – war nicht schwer. Die Aufgabe, ein Foto von einem deutschen Touristen zu machen, war jedoch komplizierter als gedacht, denn leider nicht alle blonden Menschen sind automatisch Deutsche. Doch nachdem auch diese Aufgabe gemeistert worden war, war es ein leichtes eine andere Gruppe auf einer „Secret Mission“ zu beschatten und heimlich Fotos von ihnen zu schießen.

IMG 5336
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#secretmission
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Dabei hatten wir natürlich auch die Möglichkeit die wunderschöne Stadt Pietrasanta anzuschauen.

Danach ging es Heim zu einem leckeren Abendessen, gekocht von unserem Koch Fabrizio!



07.08.17

Heute starteten wir den Tag mit einem italienischen Frühstück in einem kleinen Cafè in Pietrasanta – Kaffee und „Pasta“, was in diesem Fall so viel heißt wie „Gebäck“. Mit ausreichend Zucker im Blut begannen wir unsere Wanderung nach Sant’Anna. Dabei waren 736 Höhenmeter zu überwinden.

Die Führung übernahmen zwei Italiener von UOEI – „Unione Operaia Escursionisti Italiani“ -, ein NaturFreunde-ähnlicher Verein. Sie erklärten sehr optimistisch, für die Wanderung bräuchte man etwa drei Stunden.
Wie sich jedoch bald herausstellte, war unsere Gruppe weit weniger fit und auf so eine Wanderung vorbereitet, wie zunächst angenommen.

 

Auf dem Weg zeigten uns unsere Guides ehemalige Zuflüchte der Partisanen, aber auch Bauernhöfe/Wohnhäuser, die von den Deutschen abgebrannt wurden.

(diese Bilder wurden bereitgestellt von Petra Quintini)

 

Nach vielen bitter benötigten Pausen erreichten wir gegen 14 Uhr Sant’Anna di Stazzema.


Dort trafen wir den wichtigsten Mann des heutigen Tages: Enio Mancini.

Er ist ein Überlebender des Massakers in Sant’Anna. Wir hatten die Möglichkeit und das Privileg, seine Geschichte aus erster Hand zu erfahren.

Er stieg in die Geschichte ein, indem er uns von der Journalistin Christiane Kohl erzählte, die Interviews sowohl mit Überlebenden als auch mit deutschen Soldaten geführt hatte, die in Sant’Anna beteiligt gewesen waren. Ihr ist es gelungen, durch viel Recherchearbeit die Namen einiger Täter herauszufinden. Einen Artikel darüber veröffentlichte sie u. a. im Magazin der Süddeutschen Zeitung, am 29. Oktober 1999. In ihrem Buch Der Himmel war strahlend blau. Vom Wüten der Wehrmacht in Italien (erschienen im Picus Verlag, Wien 2004, ISBN 9783854524847) ist er heute noch zu finden.

Am 12. August 1944 machte sich eine deutsche Einheit frühmorgens auf drei oder vier verschiedenen Wegen auf den Weg in das Bergdorf Sant’Anna. Sie sollten es etwa um 7 Uhr erreichen. Jemand hatte sie jedoch kommen sehen und warnte die Bewohner mit lauten Rufen: „Die Deutschen kommen! Die Deutschen kommen!“

Die Männer flüchteten sofort in die Wälder aus Angst, zur Zwangsarbeit rekrutiert und deportiert zu werden. Bevor Enios Vater floh, sagte er zu seinem Sohn: „Du brauchst keine Angst zu haben! Sie werden den Großeltern, Frauen und Kindern nichts tun!“

Die Familie brachte schnell alle ‚wertvollen‘ Gegenstände wie Geschirr oder Bettzeug in Sicherheit aus Angst, die Deutschen würden die Häuser anzünden und alles vernichten. Doch sie wurden bald von Soldaten aus ihren Häusern geholt. Sie und auch alle anderen Bewohner von Sennari – zugehörig zu Sant’Anna – wurden in Richtung des nächsten Dorfes Vallechia getrieben.

Enios, seine Mutter und seine Schwester gingen jedoch sehr langsam, da ihnen eingefallen war, dass sie die Kuh im Stall vergessen hatten, und sie versuchen wollten, zum Haus zurückzulaufen. Es gelang ihnen auch zurückzuschleichen, das Haus war jedoch bereits angezündet und die Kuh gestorben. Dies war ein schreckliches Ereignis für die Familie, da ihnen nun die Lebensgrundlage entzogen worden war.

Bei dem Versuch das Feuer zu löschen wurden sie von deutschen Soldaten gefunden und zusammen mit anderen Familien und Kindern in Richtung des Kirchplatzes von Sant’Anna getrieben. Wenn sie dort angekommen wären, wären sie zusammen mit allen anderen ermordet worden. Da sie jedoch barfuß gingen, kamen sie nur langsam voran – zu langsam für die meisten Soldaten, die sich entschlossen, vorneweg zu gehen. Nur ein sehr junger Soldat lief hinter ihnen.

Dieser rief ihnen zu: „Schnell, schnell!“ und deutete plötzlich in eine andere Richtung, als in die, in die sie gelaufen waren. Sie verstanden zwar das Deutsche nicht, rannten aber augenblicklich in die gezeigte Richtung. Auf einmal hörten sie mehrere Schüsse hinter sich.

Der Soldat hatte in die Luft gefeuert und sie entkommen lassen. Damit rettet er ihnen das Leben. Erst vor drei Jahren fand Enio den Namen des Soldaten durch dessen Enkel heraus.

Die Familie Mancini begab sich dann zu ihrem Haus zurück in der Hoffnung, noch etwas retten zu können. Sie hörten zwar Schüsse und sahen Rauch, doch was auf dem Kirchplatz passiert war, wussten sie noch nicht. Gegen Mittag kehrte dann eine absolute Stille ein – die Soldaten hatten Sant’Anna verlassen.

Am Nachmittag wagten sie sich zum Kirchplatz. Schon auf dem Weg dorthin fanden sie Leichen auf der Straße liegen. Auf dem Kirchplatz erwartete sie ein schrecklicher Anblick: dort türmten sich verkohlte Körper – Menschen, die von den Soldaten erschossen und verbrannt worden waren. Enio erzählte, er habe als erstes nach seinen Freunden gesucht, aber niemanden gefunden.

Das jüngste Opfer war Anna Pardini, 20 Tage alt. Noch jünger war allerdings das Baby, das während der Geburt ermordet wurde. Die Soldaten erschossen die Mutter noch in den Wehen, schlitzten ihr den Bauch auf und erschossen das ungeborene, namenlose Kind.

Besonders schlimm für Enio war es, dass unter den Angreifern nicht nur Deutsche, sondern auch maskierte Italiener aus den umliegenden Dörfern gewesen waren. Er erkannte sie anhand des versilianischen Dialektes, den sie sprachen. Diese Italiener hatten beispielsweise den Deutschen den Weg in das Dorf gezeigt.

Anführer der Einheit war SS-Kommandant Anton Galler.

Enio und seine mit dem Vater wiedervereinte Familie versteckte sich anschließend noch bis zum 21. September im Wald aus Angst, die Deutschen könnten wiederkommen. Ihm ist noch deutlich in Erinnerung, dass sie nur sehr wenig Wasser hatten. Zu wenig Wasser, um sich oder die Kleidung zu waschen.

Am 21. September entdeckten dann einige Späher näherkommende Soldaten und anhand der Helme erkannten sie ihre Nationalität: Amerikaner! Zu diesen rannten sie sofort und riefen um Hilfe.

Enio erinnert sich, dass er zuerst einen großen Schreck bekam, denn unter den amerikanischen Soldaten war ein Afro-Amerikaner; er hatte, wie es in Deutschland auch gelehrt worden war, beigebracht bekommen, dass Dunkelhäutige „böse“ sind. Aber der Soldat gewann das Herz des kleinen Jungen mit einem Stück Schokolade und trug ihn den ganzen Weg zum Dorf zurück.

Das Dorf wurde notdürftig wieder aufgebaut und die Dächer mit dem vorhandenen Stroh gedeckt. Bis 1950 gab es für Enios Familie weder Fensterscheiben noch ein richtiges Dach.

1945 kehrte Enio in die Schule zurück. Von den ehemals 43 Kindern hatten nur zwölf überlebt. Er schloss die Schule 1950 ab. Die Zeit direkt nach dem Massaker empfand er als besonders bedrückend, denn den Kindern wurde verboten zu spielen, zu singen oder zu lachen. Das ganze Dorf war in einer Art Trauerstimmung.

Die Frage, die für ihn bleibt, ist: „Warum?“

Sant’Anna war ein Dorf voller Zivilisten und Kriegsflüchtlingen gewesen. Von dort war kein Angriff auf die deutsche Wehrmacht ausgeübt worden.

So etwas wie Gerechtigkeit gab es für ihn erst 2005, als die italienische Staatsanwaltschaft einen Prozess gegen zehn Täter aufnahm. In der dritten Instanz wurden diese dann 2007 schuldig gesprochen und in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Man forderte Deutschland auf, die Haftstrafe dort zu vollziehen, doch die zuständige Stuttgarter Staatsanwaltschaft unter der Leitung von Staatsanwalt Häußler – viele kennen ihn vielleicht noch von Stuttgart 21 – sagte, es wäre nur möglich, ein Verfahren in Deutschland einzuleiten.

Diese Ermittlungen wurden allerdings 2012 eingestellt mit der Begründung, das Merkmal der Grausamkeit und der niederen Beweggründe sei nicht nachzuweisen.

Das war für Enio und auch andere Überlebende sehr niederschmetternd. Schließlich hatten die Deutschen nicht anonym eine Bombe abgeworfen – nein, sie waren in das Dorf hochgeklettert und hatten den Menschen, die sie töteten, in die Augen geblickt. Man denke nur an die Mutter und ihr ungeborenes Kind.

Einer der noch lebenden Angeklagten wohnt heute noch isoliert in einem Altersheim in Hamburg. Sein Name ist Gerhard Sommer. Enio versuchte einmal Kontakt mit ihm aufzunehmen, wurde jedoch nicht zu ihm vorgelassen.

(Enio Mancini in der Mitte)

Im Museum von Sant’Anna wurde uns von Pietro, dem Schwiegersohn einer Überlebenden, ein selbstgegossenes Kunstwerk, das an ein berühmtes Bild mit spielenden Kindern angelehnt ist, überreicht. Stellvertretend für die Initiative Sant’Anna der AnStifter (www.die-anstifter.de) nahmen wir dieses Geschenk in Empfang.


Wir hatten anschließend leider keine Zeit mehr, das Museum zu besichtigen. In kleinen Gruppen verließen wir Sant’Anna entweder per Bus oder zu Fuß. Nachdenklich und müde kamen wir schließlich im Convento an, wo wir sobald von Fabrizio mit einem fabelhaften Abendessen beglückt wurden.

Vielen Dank – mille grazie – an alle, die an diesem unvergesslichen Tag mitgewirkt haben!


Abschließend noch ein paar Bilder aus Sant’Anna:



08.08.17

Auch heute begann unser Tag mit einem leckeren italienischen Frühstück. Gestärkt ging es nach Sant’Anna – diesmal mit dem Bus. Als erstes wollten wir den Zeitzeugen Enrico Pieri treffen.

Enrico wurde am 19. April 1934 geboren.

Am 12. August 1944 war er mit seinen zwei Schwestern, seiner Mutter, seinem Vater und seinem Onkel zuhause. Die Männer waren dort geblieben, obwohl sie von den Soldaten gewarnt worden waren, denn sie hatten am Tag zuvor eine Kuh geschlachtet. Da Lebensmittel knapp waren, war das Fleisch dieser Kuh sehr wichtig und jemand musste es schließlich zerteilen.

Die Deutschen trieben die gesamte Familie – zusammen mit anderen – Richtung Kirchplatz. Doch sie kamen dort nie an. Plötzlich hielten die Soldaten an und brachten sie in das Haus der Familie Pierotti. Die kleine Tochter der Familie, Grazia Pierotti, hatte sich unter der Treppe versteckt und rief Enrico zu: „Komm schnell her!“ Also versteckte sich der Junge rasch ebenfalls unter dem Treppenabsatz.

Enrico meinte, dass die Soldaten nicht einmal fünf Minuten gebraucht hätten, um alle Anwesenden in der Küche mit einem Maschinengewehr zu töten. Ein Mädchen hatte sich jedoch in der Bettwäsche versteckt und wurde durch Zufall nicht von einer Kugel getroffen. Damit waren von den zehn Personen im Haus nur noch drei Kinder am Leben.

Die Soldaten zündeten sofort das Haus an. Die drei Kinder hatten jedoch keine Möglichkeit hinauszugehen, denn draußen waren immer noch die Soldaten. Also harrten sie in dem brennenden Haus aus, bis sie fast keine Luft mehr bekamen, so voller Rauch war es. In letzter Sekunde retteten sie sich über den brennenden Fußboden nach draußen und versteckten sich unter einem Haufen Bohnenstroh.

In diesem Moment hatten sie noch gar nicht begriffen, was wirklich passiert war. Sie hatten noch nicht verstanden, dass sie ihre ganze Familie verloren hatten.

Das Haus mit den Leichen ihrer Eltern überstand das Feuer und sobald die Schüsse aufhörten, rannten sie zurück in die Küche. Alle waren tot.

Die Mädchen packten ein paar wichtige Dinge zusammen, dann versteckten sie sich wieder bis in den späten Nachmittag, bis es sicher war, dass die deutschen Soldaten verschwunden waren. Dann flüchteten sie sich in den Wald, wo sie andere Familien trafen, die überlebt hatten. Von ihnen erfuhren sie von den Verbrechen, die in Sant’Anna begangen worden waren, von dem Berg brennender Leichen auf dem Kirchplatz.

Als Enrico zurück zum Haus lief, um zu versuchen, das Feuer zu löschen, ging er nicht über den Kirchplatz und betrat auch nicht die Küche, in der die Leichen beider Familien lagen. Er konnte immer noch nicht begreifen, was passiert war. Er sagte, von diesem Tag an sei er kein normales Kind mehr gewesen. „Wenn du noch so jung bist und deine Mama suchst, sie aber nicht mehr das ist und nie wieder kommt, ist das sehr, sehr schwer.“

Der restliche August zog sich für Enrico lange hin, denn er hielt sich ebenso wie andere Familien in einer Grotte im Wald versteckt aus Angst, deutsche Soldaten könnten wiederkehren. Er sagte, Sant’Anna nach diesem 12. August könne man sich nicht vorstellen – „alles Ruinen, alles zerstört, nur noch Stille und keine Menschen mehr. Viel Traurigkeit und wenig Glück.“

Er lebte noch bis 1951 in Sant’Anna, dann zog er nach Pietrasanta, um einen Beruf zu erlernen. 1960 verließ er Italien und zog  in die Schweiz. Dort lebte er für 32 Jahre, gründete eine Familie und zog seinen Sohn groß. Zunächst wollte er nicht  nach Deutschland reisen oder etwas mit Deutschen zu tun haben, denn er hegte immer noch Groll und Hass gegen sie. Doch 1970 musste er sich entscheiden, ob sein Sohn eine deutschsprachige oder eine französischsprachige Schule besuchen sollte. Er entschied sich für die deutsche. Das war jedoch keine leichte Entscheidung für ihn. Allerdings war man zu dieser Zeit gerade dabei, ein gemeinsames Europa aufzubauen, und  auch er wollte an diesem neuen Europa mitwirken. So ging es auch vielen anderen emigrierten Italienern.

Ein oder zwei Mal im Jahr kehrte er nach Sant’Anna zurück. Doch er sprach niemals darüber, wie es für ihn gewesen war Kriegswaise zu sein. Nachdem er in die Schweiz gezogen war, fühlte er sich allein, orientierungslos; er hätte sich leicht verlieren können, so erzählte er uns. Dass das nicht passiert ist, verdankte er seiner Frau.

1992 kehrte er zurück nach Italien, nach Sant’Anna di Stazzema. Er wurde gebeten, im dortigen Museum mitzuhelfen und als Zeitzeuge zu sprechen, doch zuerst lehnte er dieses Angebot ab, denn es war noch zu schwierig für ihn, über diese Zeit und seine Familie zu sprechen. Aber dann merkte er, dass man diese Erinnerung dringend brauchte, v. a. junge Menschen, wie wir es sind. Deswegen spricht er darüber. Er tut es für uns, für unsere Zukunft.

Was in Sant’Anna geschah, sei ein Verbrechen gegen die Menschheit. Enrico fordert, dass wir uns alle dafür einsetzen müssen, dass es nie wieder ein Sant’Anna gibt. Der Erste und der Zweite Weltkrieg brachten das Schlimmste der Menschheit zu Tage. Soldaten hatten Kinder getötet, Kinder, die leben wollten, Kinder, die keine Schuld trugen. In Sant’Anna hatten nur Kriegsflüchtlinge und Zivilbevölkerung gelebt, keine Partisanen

2009 reiste Enrico das erste Mal nach Deutschland, nach Köln. Er erfuhr, dass auch diese Stadt zu 90 Prozent zerstört worden war. So wurde ihm klar, dass nicht nur Sant’Anna, sondern ganz Europa in Schutt und Asche gelegen hatte.

2011 lud ihn der italienische Staatspräsident, Giorgio Napolitano, nach Rom ein. 2013 fuhren Napolitano und der deutsche Bundespräsident, Joachim Gauck, zusammen nach Sant’Anna, um der Opfer zu gedenken. (www.spiegel.de/politik/deutschland/gauck-und-napolitano-gedenken-opfer-von-ss-massaker-in-sant-anna-a-890656.html)

2013 erhielt Enrico zusammen mit Enio Mancini den Stuttgarter Friedenspreis der AnStifter. (stuttgarter-friedenspreis.de/bisherige-preistraeger/friedenspreistraeger-2013/)

Sein Sohn lebt immer noch in Basel, spricht Deutsch und hilft ab und zu bei Besuchen von Schulgruppen. Er sei zwar kein Opa, aber es gehe ihm gut, er sei zufrieden, so Enrico.

Seine Bitte an uns bleibt: „Werdet Europäer! Fühlt euch europäisch! Wir brauchen Europa.“ Falls sich der nationale Egoismus und Imperialismus durchsetzen sollte, dann wären wir in 20 Jahren wieder an einem Punkt wie Sant’Anna. Es sei wichtig, internationale Freundschaften zu knüpfen und zusammenzuhalten. Die EU sei ein großes Land und habe viele große und wichtige Werte, die man nutzen solle. Zusammen könne man daran arbeiten, ’schlechte‘ Eigenschaften zu verbessern.

Er dankte uns von ganzem Herzen für unser Kommen und seine letzten Worte waren: „Ich umarme euch alle!“



Als nächstes trafen wir uns mit den Schwestern Siria und Adele Pardini, ebenfalls Überlebende des Massakers. Siria war zu diesem Zeitpunkt neun, ihre Schwester vier Jahre alt.

Für beide verlief der Tag sehr unterschiedlich. Siria musste früh morgens hinunter auf die Weide und nach den Tieren schauen, weil es einer ihrer Schwestern nicht so gut ging. Zusammen mit ihrem Vater, ihren Brüdern Vittorio und Vinicio und ihrer Schwester Licia war sie aufgebrochen. Sie wussten nicht, dass die Deutschen bereits auf dem Weg nach Sant’Anna waren. Ihr Vater und ihre Schwester liefen allerdings noch einmal zurück, um die Kuh zu holen.

Ihr Haus lag sehr nahe an einer der Pfade, die die Soldaten genommen hatten, um in das Dorf zu gelangen. Während Licia nach Kohlblättern für die Kuh suchte, hatte der Vater die Kuh aus dem Stall geholt. Zu diesem Zeitpunkt seien die Deutschen bereits sehr nah gewesen; der Vater und die Schwester seien ihnen nur knapp entgangen, erklärte Siria.

Die Geschwister und der Vater verbrachten den Tag auf der Weide, bis die älteste Schwester Cesira zu ihnen gerannt kam und ihnen sagte, sie sollen sich verstecken. Cesira war verletzt, wollte ihnen jedoch nicht erzählen, was passiert war. Das erfuhren sie erst später.

 

Adele und der Rest der Familie – ihre Mutter und ihre Schwestern Cesira, Maria, Lilia und Baby Anna – waren gerade beim Frühstücken als die Deutschen auftauchten. Adele erinnerte sich, dass ihre Schale mit Milch umfiel, als sie überfallen und den Berg hinuntergeschubst wurden. Weiter unten wurden sie mit 30 anderen – Verwandten und Kriegsflüchtlingen – in drei Reihen an einer Wand aufgestellt. Eines der anderen Kinder hieß Claudio und er war zwei Jahre alt.

Ihre Mutter flehte die Soldaten an, den Säugling Anna zu verschonen, daraufhin schossen sie ihr mit einer Pistole in den Kopf. Dann  fingen sie an, auf die an der Wand aufgestellten Menschen zu feuern. Adele wurde von einer Kugel an der Nase getroffen.

Ohne, dass es die Soldaten bemerkten, hatte sich die Tür zum Stall hinter den Kindern geöffnet und Cesira gelang es, ihre Geschwister dort hinein zu ziehen. Ihre Schwester Lilia erzählte ihr später, dass Adele nicht aufhörte „Mama, Mama!“ zu schreien, und sie ihr deswegen den Mund zugehalten hatte.

Die Soldaten setzten anschließend den Stall in Brand. Die Kinder kletterten über den leblosen Körper ihrer Mutter wieder hinaus, als die Soldaten verschwunden waren. Cesira nahm Anna aus den Armen der Mutter und führte ihre jüngeren Geschwister zu einer Grotte weiter unten. Allerdings war man in der Grotte nicht komplett versteckt und Soldaten hatten aus der Ferne auf sie gefeuert. Dabei wurde Adeles Schwester Maria schwer verletzt. Cesira ging dann noch einmal zurück zum Stall und suchte nach Überlebenden. Sie fand ein einjähriges Kind.

Cesira lief anschließend den Hang hinunter, um den Vater zu warnen.

Adele erzählte uns, dass sie lange Zeit nicht verstanden hatte, was passiert war und immer wieder nach ihrer Mutter gesucht hatte.

Die Männer, die sich im Wald versteckt hatten, hätten zumeist gar nicht mitbekommen, was in Sant’Anna geschehen war. Sie seien erst sehr spät wieder aus den Wäldern gekommen und fanden ein zerstörtes Dorf vor. Es habe sehr große Verzweiflung geherrscht, sagte Siria. Viele von diesen Männern haben sich später umgebracht.

Baby Anna starb im Alter von 20 Tagen am 3. September. Nur drei Tage zuvor hatte man noch ein Foto von ihr aufgenommen. In ihren Windeln fand man sieben Kugeln.

Ihre Schwester Maria starb am 19. September an ihren Verletzungen. Man hatte noch versucht, sie in das Krankenhaus in Valdicastello zu bringen, doch vergebens.

Siria wurde zuerst bei ihrer Tante untergebracht und musste anschließend in eine Klosterschule in der Nähe. Adele hatte eine Zeit lang bei der Grundschullehrerin gelebt. Diese war allerdings an den Augen verletzt worden und deswegen erblindet. Dort durfte Adele jedoch nicht lange bleiben, da sie oft ins Bett gemacht hatte. So kam sie mit ihrem Bruder Vittorio ebenfalls in die Klosterschule, denn der Vater schaffte es nicht, sich um so viele Kinder zu kümmern. Er wurde 1946 sehr schwer krank und musste in einen Krankenhaus in Livorno.

Die Geschwister machten aufgrund ihrer traumatischen Erfahrungen sehr oft ins Bett. Die Ordensschwestern zogen ihnen dann das nasse Bettzeug über den Kopf, sodass es alle sehen konnten. Deswegen wurden sie sehr oft verspottet und ausgelacht. Sie wären gerne weg gegangen, zurück nach Sant’Anna, doch das war nicht möglich.

Erst 1948 kehrten sie nach Sant’Anna zurück. Ihr Vater hatte eine neue Frau geheiratet und einen sechs Monate alten Sohn mit ihr – Mario.

Siria heiratete 1954 und zog von Sant’Anna weg . Erst nach 17 Jahren kehrte sie zurück nach Pietrasanta.

Adele heiratete 1960. Ihr Sohn heißt Claudio, benannt nach dem zweijährigen Jungen, der ermordet wurde. Sie hat lange Zeit für eine Deutsche, die mit einem Italiener verheiratet war, als Haushaltshilfe gearbeitet. Diese habe ihr sehr viel gezeigt und war immer sehr nett zu ihr gewesen, meinte Adele. Sie vermutete, dass sie eine Art „Ersatztochter“ für die Frau gewesen war, denn ihre eigene Tochter war gestorben.

Dies alles erzählten uns die beiden Schwestern nach einer kleinen Wanderung zu ihrem damaligen Haus und dem Stall, vor dem sie aufgestellt worden waren.

 


Danach wanderten wir zusammen mit Siria und Adele den Friedensweg zum Ossarium auf der Bergspitze. Dort zeigten sie uns die Gedenkplatten ihrer Familie. Am höchsten Punkt erhebt sich das weit über die ganze Umgebung sichtbare Mahnmal, in dessen Öffnung ein Sarkophag aus Marmor steht. Die Namen auf der großen Tafel sind alphabetisch geordnet. Neben den Namen ist auch das Alter angegeben. Das jüngste Opfer ist Anna Pardini mit 20 Tagen, das älteste Anna Tognetti mit 87 Jahren.


Nachdem wir den Kreuzweg wieder hinuntergewandert waren, aßen wir in einem kleinen Cafè zu Mittag – Bohnensalat, Tomatensalat, Brot, Käse und Salami. Danach hatte man die Möglichkeit, sich entweder das lokale Museum anzuschauen oder ein wenig Siesta zu halten, bis uns der Bus um 3 Uhr zurück zum Konvent oder an den Strand bringen würde.

Das Museum des Widerstands ist in den Räumen der ehemaligen Grundschule von Sant’Anna untergebracht. Dort kann man u. a. Spike Lees Film „Miracle in Sant’Anna“ anschauen oder in Dokumenten, Fotografien und Tageszeitungen aus dem Archiv des Historischen Instituts des Widerstandes der Provinz Lucca stöbern.



09.08.17

Nach einem gemeinsamen Frühstück, bei dem wie üblich die Anzahl der Mückenstiche verglichen und großzügig Fenistil an alle ausgegeben wurde, begannen wir den Tag mit einem lustigen Aufwärmspiel, das vor allem – aber nicht nur – für die Italiener sprachlich anspruchsvoll war. Im Kreis wurden die Worte Whiskeymixer und Wachsmaske jeweils in unterschiedliche Richtungen – gegen oder im Uhrzeigersinn – weitergegeben und wer einen Richtungswechsel wünschte, sagte dann: „Messwechsel.“ Die italienische Version davon lautete capra campa, capra crepa bzw. ambarababbaciccicoccó.

Anschließend ging es in unsere drei Workshops.

 

Der Workshop Kunst mit Irene und Giulia stellt als Hauptprojekt ein Plakat her. Als Vorbild diente ein Poster mit Sportübungen für die faschistische Jugend. Diese Übungen wurden nun – ein wenig abgeändert – neu fotografiert und interpretiert. Außerdem arbeitet Marina an einem „Skulptur“-Projekt mit Gips und Tobias möchte die Erzählungen von Adele und Siria über den Verlust ihrer Mutter in einem musikalischen Kunstwerk verarbeiten.

 

Der Workshop Histo-Bistro mit Petra und Helena hat am Vormittag Interviewfragen erarbeitet, die dann am Nachmittag verschiedenen Zeitzeugen der zweiten Generation gestellt wurden. Dafür machten sie sich in zwei Gruppen in die Stadt auf und befragten verschiedene Menschen, u. a. auch Nachkommen von Partisanen. Die Interviews werden über die nächsten Tage fortgesetzt.

 

Der Workshop Dokumentation von Wendelin und mir stellte sich ebenfalls mehreren Aufgaben. Zwei Jugendliche aus Erfurt, Luis und Veit, bereiten einen Beitrag bzw. einen Podacast für ein Erfurter Radio, Radio F.R.E.I., vor, in dem sie nicht nur unser Projekt und die Teilnehmenden hier in Sant’Anna vorstellen, sondern auch über den geschichtlichen Hintergrund des Zweiten Weltkrieges und des Massakers in Sant’Anna berichten. Hendrik und ich widmen uns der Übersetzung meines Blogs auf Englisch, damit ein internationaler Austausch möglich ist. Dieser englische Blog wird bald sowohl hier, als auch auf einer neu erstellten Homepage verfügbar sein. Marco, unser einziges italienisches Mitglied,  wird sich ebenfalls mit der Erstellung eines Blogs beschäftigen – natürlich auf Italienisch. Es wird allerdings keine Übersetzung dieses Blogs sein, sondern ein völlig neues Produkt über seine eigenen Erfahrungen und Eindrücke. Links hierzu werden folgen!

Außerdem führten Luis, Nick und ich ein einstündiges Telefon-Interview mit einer Journalistin der Stuttgarter Zeitung, die uns über das Projekt, unsere persönlichen Erfahrungen hier, unseren Weg zu dem Projekt, und zu der Zukunft Europas befragte. Der Artikel wird Freitag oder Samstag erscheinen.

Hier ist der Artikel verlinkt.

Schneller als gedacht, war auch dieser arbeitsreiche Tag vorbei. Hier noch einige Impressionen des heutigen Tages und aus der Künstlerstadt Pietrasanta.



10.08.17

Heute haben wir uns hauptsächlich mit unseren Workshops beschäftigt. Dazu zuerst ein kleiner Bericht von Nick Waldstädt.

Der aus neun Teilnehmenden bestehende Workshop „Histro-Bistro“, welcher innerhalb des Workcamps angeboten wird, hat sich zur Aufgabe gestellt, weitere Zeitzeugenberichte, sowie Berichte Überlebender der zweiten und dritten Generation aufzunehmen, zu übersetzen und zu archivieren.  Dies ist von besonderer Bedeutung, da wir einer der letzten Generationen angehören, welche die Möglichkeit hat, persönlich mit Zeitzeugen in Kontakt treten zu dürfen. Der Workshop „Histro-Bistro“ leistet somit einen großen Beitrag, um die nachfolgenden Generationen über die Erinnerungen der Hinterbliebenen zu informieren. Mit den Interviews der Nachkommen der zweiten und dritten Generation können wir aus einem weiteren sehr emotionalen und spannenden Blickwinkel die Erinnerungen und Gedanken der Überlebenden besser verstehen.

In Vorbereitung auf die Interviews haben sich die Teilnehmenden intensiv anhand von Literatur und Videoausschnitten mit den Geschehnissen in Sant`Anna auseinandergesetzt. Auf Grundlage des bereits bestehenden, sowie neu erworbenen Wissens, wurden drei Fragenkataloge erstellt. Der erste bezieht sich vor allem auf ältere Bürger, die gebürtig aus Pietrasanta und naher Umgebung stammen. Pietrasanta ist die nächstgrößere Stadt nahe Sant`Anna di Stazzema. Die Fragen beziehen sich, neben Informationen zum Leben an der Versilia unter deutscher Besetzung während des Sommers 1944, auch auf die Verbindungen der Bürger Pietrasantas zu Sant`Anna – damals und heute.

Der zweite Fragenkatalog ist an Überlebende des Massakers in Sant`Anna gerichtet. Er soll neben Erinnerungen, sowie den Gefühlen und Emotionen der Hinterbliebenen, während der Ereignisse am Morgen des 12. Augusts, auch deren Leben nach dem Massaker und die heutige Auseinandersetzung mit den Geschehnissen erfassen. Weiterhin haben wir einen Fragenkatalog an Nachkommen der zweiten und dritten Generation erstellt, der darauf abzielt zu erfahren, wie die Überlebenden mit ihren Kindern über die Ereignisse am 12. August 1944 gesprochen haben. Dazu enthält er Fragen, wie sie ihre Vorfahren und deren Erinnerungen wahrgenommen haben, sowie zum Leben als ein Nachfahre eines Überlebenden.

Infolge des Workshops sind wir in Kleingruppen in Pietrasanta unterwegs gewesen, um mit Zeitzeugen zu sprechen. Die Teilhabe war sehr positiv und es konnten gute Ergebnisse erzielt werden. Insgesamt wurden etwa sechs Personen befragt, darunter auch ein Sohn von einem damals in den Bergen kämpfenden Partisanen. Durch die Interviewfragen wurde ein Konflikt zwischen zwei rüstigen Frauen angestoßen, welcher sehr gut wiederspiegelte, das siebzig Jahre nach den Geschehnissen von Sant`Anna noch immer in Diskussion steht, ob die Partisanen eine Ursache der Massaker waren.

Zudem hatten wir die Möglichkeit mit zwei Nachfahren der zweiten Generation zu sprechen. Eine davon war Marisa, welche die Tochter zweier Überlebender von Sant`Anna ist und auch dort aufwuchs.

In Planung stehen weitere Gespräche mit Überlebenden der zweiten Generation, aber auch ein Interview mit einer Überlebenden von Sant`Anna.


Tobias Rieger berichtet über den Kunstworkshop:

Irene Lupi und Giulia Muto leiteten den Kunstworkshop, welcher sich aus zwei Italienerinnen und zwei Deutschen zusammensetzte. Irene motivierte die Teilnehmenden, sich kreativ völlig frei zu fühlen und regte an, sich unterschiedlichster Genres, Materialien und Ideen zu bedienen. Irene legte Wert darauf, dass in erster Linie ein innerlicher Entwicklungsprozess einsetzen sollte, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Ein abgeschlossenes Projekt müsse nicht zwangsweise am Ende des Workshops vorgezeigt werden.

Schlussendlich fokussierte sich die Gruppe auf vier verschiedene Projekte. Zum einen wurde mit einem zeitgenössischen Plakat, welches den faschistischen Körperkult durch unterschiedliche Gymnastikübungen verdeutlicht, gearbeitet. Die Körperübungen wurden nachgestellt und ein dem Original nachempfundenes Plakat  entworfen, welches die indoktrinären Vorstellungen des nationalen Leistungskults umdreht und durch eine Botschaft des Friedens und internationalen Miteinanders ersetzt.

Das zweite Projekt versuchte die Mutterlosigkeit der beiden Überlebenden des Massakers, Siria und Adele, allegorisch auf Papier einzufangen. Im dritten Projekt entstanden mit Ton und Gips Friedenssymbole. Ein viertes Projekt versuchte für die Filmmitschnitte der Zeitzeugeninterviews und Impressionen von Sant‘Anna ein musikalisches Thema am Klavier einzufangen.


Auch im Workshop Dokumentation wurde kräftig weitergearbeitet. Das Radioprojekt wird in einem Erfurter Radio ausgestrahlt werden, Radio F.R.E.I. Dafür wurden heute verschieden Teilnehmer über das Projekt interviewt. Auch der italienische und der englische Blog machen große Fortschritte und werden in den nächsten Tagen hochgeladen. Um alle unsere Projekte, Bilder und Videos zu sammeln haben wir eine eigene Seite für Sant’Anna erstellt. Die Adresse lautet: www.friedensarbeit-sant-anna.eu /www.campo-per-la-pace-sant-anna.eu


Hier noch einige Bilder zu unserer Arbeit an den Workshops:


 

Am Nachmittag machten wir einen Ausflug ins Marmormuseum. Dort konnten wir beobachten, wie die Gipsvorlagen abgemessen und Punkt für Punkt auf den Marmor übertragen werden. Dort steht auch eine riesige Nachbildung Michelangelo’s David. Wir konnte sowohl den Künstlern bei der Arbeit zuschauen, als auch tausende von Mamorfiguren bei einer kleinen Führung besichtigen. Danach hielten wir noch eine Einführung in die Entstehungsgeschichte des weißen Marmors, der typisch für diese Region ist und nirgends sonst auf der Welt vorhanden ist. Er zeigte uns auch Steinschichten, in die Fossilien eingeschlossen waren. Zum Abschluss durften wir uns an den übrig gebliebenen Steinbrocken bedienen und etwas weißen, grauen oder rosa Marmor mit nach Hause nehmen.

(Bilder von Arbina Dika)


Über das Nachtleben in Pietrasanta:

Nach so vielen Tagen in Pietrasanta muss ich noch ein paar Worte über die abendliche Stadt sagen. Die Geschäfte schließen natürlich oft nachmittags, dafür sind sie aber abends bis um 24 Uhr geöffnet. Man stelle sich eine malerische Altstadt vor, 10 Uhr abends, alles hell erleuchtet und die Straßen voller Menschen, die ein Schwätzchen halten, noch ein wenig einkaufen gehen, ein Eis essen – einfach leben.

Eine lebendige Innenstadt am Abend kann man sich dagegen in Deutschland nur schwer vorstellen. Je nach Größe der Stadt ist sie entweder wie leergefegt oder von betrunkenen Studenten oder anderen Feiernden bevölkert. Natürlich ist es hier im August auch noch um Mitternacht angenehm warm, doch es ist nicht nur das. In jeder Ecke lassen sich Kunst und Skulpturen finden, Galerien sind geöffnet, Kleidergeschäft haben ihre Waren ausgestellt. Insgesamt ist die Atmosphäre einfach eine andere. (Lebens-)Kunst wird in dieser Stadt großgeschrieben. Ob es an der italienischen Lebensphilosophie, „la dolce vita“, oder an der liebevollen Gestaltung der Innenstadt, liegt – Deutschland könnte sich auf jeden Fall eine Scheibe davon abschneiden.

(Von Arbina Dika)



11.08.17

Nachdem am Vormittag eifrig an unseren Workshops gearbeitet wurde, Reden geschrieben und Beiträge vorbereitet, ging es nach dem Mittagessen nach Sant’Anna. Dort sollten noch ein paar Interviews geführt werden und man hatte Zeit sich noch einmal das Museum anzusehen. Auch einige Videos für Irene’s Kunstprojekt, der Erinnerungsbox, wurden gedreht.

Ich habe zum Beispiel einen Stein in diese Box gelegt, einen Stein, den ich auf der Wanderung nach Sant’Anna aufgehoben habe. Er soll nicht nur den erfolgreichen Abschluss unserer Wanderung symbolisieren, sondern auch den Weg, den die deutschen Soldaten gelaufen sind. Vielleicht sind sie sogar auf genau diesen Stein getreten. Der Stein trägt somit „Erinnerung“.

Viele halfen auch mit,  das Abendessen bei Enrico vorzubereiten, das für uns als auch für eine italienische Wandergruppe vorbereitet wurde.

Helena und ich fuhren dann gegen Abend noch einmal zurück zum Konvent und in die Stadt, denn trotz vieler warnender Worte, waren doch einige Teilnehmende nur leicht bekleidet und niemand hatte mit einem derartigen Kälteeinbruch gerechnet. Also fuhren wir zum Konvent, packten Handtücher und Wollsocken, zusätzliche Hosen und Jacken ein und gingen sogar noch ein paar Strumpfhosen einkaufen. Vollgepackt mit Klamotten fuhren wir nach Sant’Anna zurück und wurden freudig in Empfang genommen. Es waren etwa zehn Grad, doch gefühlt Minus fünf. Ich selbst trug beispielsweise eine dünne Jeans unter meiner Trekkingshose, meine warmen Wanderschuhe, ein Top, ein langärmeliges T-Shirt, eine dicke Bluse, eine Regenjacke und einen Schal. Das war gerade so angemessen.

Das Abendessen war trotzdem ein voller Erfolg. Nach einer leckeren „Pasta“ als Vorspeise, gab es gegrillte Würstchen und Fleisch. Dazu Brot, Salate und Wein. Man unterhielt sich gut mit den anwesenden Italienern, trotz mangelnder Italienischkenntnisse. Auch dabei war die stellvertretende deutsche Botschafterin, Frau Irmgard Maria Fellner, aus Rom.

Nach dem Abendessen traf man sich auf dem Kirchplatz. Dort wurden Kerzen verteilt und anschließend führte der Priester die Versammelten über den Kreuzweg hoch zum Ossarium. Wir liefen  in absoluter Stille, nur begleitet von den Glocken der Kirche von Sant’Anna. Es hatte etwas Meditatives an sich, die gleichmäßigen Glockenschläge, die rhythmischen Fußschritte den Berg hinauf, das flackernde Licht der Kerzen.

Oben wurden verschiedene Reden gehalten, jeweils von einer musikalischen Einlage unterbrochen. Gespielt wurden u.a. Simon & Garfunkel – Sound of Silcence oder Bob Dylan – Blowing in the wind. Auch von uns gab es eine tolle Rede, geschrieben von Marco, der auch den italienischen Blog führt. Darin verarbeitet er seine persönlichen Eindrücke des Friedenscamps.

Während der Reden setzte leichter Regen ein, doch wir wurden nicht nennenswert nass. Bevor man nach und nach den Berg wieder hinunterkletterte, wurde die Friedensglocke neben dem Ossario geschlagen.

Mit dem Bus ging es dann zurück zum Konvent.



12.08.17

Heute Morgen ging es in aller Frühe hoch nach Sant’Anna, um vor den Gedenkfeierlichkeiten noch ein Zeitzeugeninterview zu führen. Los gingen diese dann um 9 Uhr mit einem Gottesdienst und einer anschließenden Wanderung zum Ossarium über den Kreuzweg – wie gestern Abend auch. Dabei waren italienische Würdenträger, beispielsweise der Bürgermeister von Sant’Anna und der Ministerpräsident der Toskana. Mit den vielen Flaggen und den militärischen Uniformen wirkte das vielleicht auf manche etwas Befremdlich. Neben den Flaggen der einzelnen Gemeinden, wurden die Friedensflagge und die Europaflagge geschwenkt.

Darum ging es u.a. auch in den Reden, für Frieden und ein gemeinsames Europa, gegen Faschismus und Nationalismus. (Reden hielten u.a. Enrico Mancini; der Präsident des Kulturausschusses des Senats, Sen. Andrea Marcucci; Maurizio Verona; der Finanzminister der Region Toskana, Vittorio Bugli; Vadim Tkhor, erster Sekretär der russischen Botschaft in Italien, Irmgard Maria Fellner von der deutschen Botschaft und Alexander Zvyacincev, Stellvertretender Generalstaatsanwalt von Russland.)

Es gab auch zwei Redebeiträge aus unserem Friedenscamp – eine deutsche und eine italienische Rede, die eine von Julian Kufferath-Sieberin, die andere von Arbina Dika. Beide wurden vom Publikum sehr gut aufgenommen.

Das Wetter war perfekt, keine Spur mehr von den Regenwolken des vergangenen Abends. Der Himmel war strahlend blau, wie auch an jenem Tag vor 73 Jahren.

Gegen Nachmittag war die Veranstaltung am Ossarium abgeschlossen und man lief den Berg wieder hinunter. Mittagessen gab es erneut bei Enrico Pieri. Eingeladen waren diesmal neben der Wandergruppe und uns, u.a. auch der Bürgermeister, der russische Generalstaatsanwalt, die deutsche Anwältin Gabriele Heinecke, die für einen Prozess in Deutschland gekämpft hatte, und Eberhard Frasch von den AnStiftern.

Zum Abschluss der Feier überbrachte Eberhard Frasch im Namen der AnStifter-Initiative Sant’Anna den Dank an Mitglieder des Camps und des Museums in Sant’Anna und ehrte sie für ihre Arbeit, darunter Gabriele Heinecke, die Rechtsanwältin; Fabrizio, unser Koch; Enrico und Mario stellvertretend für alle Zeitzeugen; unsere Teamer Petra, Helena, Wendelin und Giulia; die Künstlerin Irene Lupi; Michele Morabito, Bürgermeister für Kultur der Kommune Stazzema; Irmgard Maria Fellner, die Gesandtin der Deutschen Botschaft in Rom; Simone Caponera  und Simone Tonini, die für das Museum verantwortlich sind; und zu guter Letzt ich selbst, Christina Gohle, für das Schreiben dieses Blogs.

Eines der schönsten Punkte des Nachmittags war für mich, als angefangen wurde, Partisanenlieder zu singen. Am bekanntesten davon natürlich „Bella ciao“. Da mein Video leider zu groß ist, um es hochzuladen, hier ein Link zu einer wunderschönen Version von Hannes Wader und Konstantin Wecker.


 

Schließlich kehrten wir in das Konvent zurück, wo wir bis zum Abendplenum noch ein wenig Zeit zum Packen und für andere Dinge hatten. Beim „Abpl“ besprachen wir dann unser Camp – Dinge, die gut liefen, Dinge, die vielleicht nicht so gut liefen; wie es uns mit den Menschen, Aktivitäten und Themen ging; und wie wir unser Erlebnisse zusammenfassen würden.

Als gemeinsamer Abschluss gab es Essen und eine kleine Feier im „Croce Verde“ – das grüne Kreuz  -, eine Organisation wie die Malteser, die sich um wohltätige Zwecke kümmert. Das kalte Büffet war ausgesprochen lecker und wir genossen die Möglichkeit ein letztes Mal in italienischem Essen schwelgen zu können.

Während der After-Party wurden letzte Begriffe in der jeweils anderen Sprache beigebracht: Deutsche Lebensweisheiten, wie „Schlafen kann man wenn man tot ist“, und italienischer Grundwortschatz, wie „il goccino“ = ein Schlückchen. Da ein Abschied nach solch einer intensiven Woche sehr schwer ist, blieben viele bis in die Morgenstunden wach, um die letzte gemeinsame Zeit ausnutzen zu können.



13.08.17

Der Tag der Heimfahrt war gekommen. Um 6 Uhr ging es los zu einem letzten gemeinsamen Frühstück in der Stadt und dann zum Bahnhof. Unsere Redner, Arbina, Julian und Marco, erhielten noch ein kleines Geschenk, bevor wir uns alle voneinander verabschieden mussten.

Nach einer langen Gruppenumarmung und einigen Tränen, stiegen wir in den Zug, der uns zunächst nach Florenz, dann nach Bologna und schließlich nach München bringen würde. In Florenz hatten wir durch die lange Umsteigezeit die Möglichkeit, die Stadt zu besichtigen.

Während der Fahrt wurde versäumter Schlaf nachgeholt, Skat und andere Kartenspiele gespielt, Musik gehört oder einfach ein wenig geplaudert.

In München trennte man sich dann. Eine Gruppe fuhr Richtung Ulm bzw. Stuttgart weiter, die andere Richtung Erfurt. Gegen Mitternacht trafen auch die letzten erschöpft, aber glücklich, in ihren Zielbahnhöfen ein.

Es ist schwierig, etwas Zusammenfassendes über unsere Reise zu sagen. Sie hat nachdenklich gestimmt und berührt, aber auch Spaß gemacht. Sie hat uns weinen und lachen und den wenigen Schlaf verfluchen lassen. Sie hat uns angestrengt. Sie hat uns neue Freundschaften geschenkt. Von den Höhen und Tiefen war alles dabei. Es war eine einzigartige Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Ich freue mich schon darauf, alle an unserem Nachbereitungsseminar wiederzusehen.

 



 

Bericht und Bilder von Christina Gohle